Winter oder Sommer in der Ökumene?

Die theologische Situation der Ökumene ist keineswegs in eine Winterstarre gefallen. Im Protestantismus können wir zwei Richtungen ausmachen, wie dort die Ökumene gedacht wird.

Das dritte Jahrtausend soll ein ökumenisches Jahrtausend sein, in dem die beiden Kirchenspaltungen (Orthodoxie und Protestantismus) überwunden werden. Dies ist der Wunsch vieler. Mit dem heutigen Teil endet unser Artikel über die theologische Situation der Ökumene, die keineswegs in eine Winterstarre gefallen ist. In der letzten Ausgabe des Hedwigsboten haben wir die Situation mit den orthodoxen Kirchen und den Kirchen der Reformation betrachtet. Dabei konnten wir im Protestantismus zwei Richtungen ausmachen, wie dort die Ökumene gedacht wird: Im skandinavischen und amerikanischen Luthertum scheint eine bischöfliche Verfassung des Amtes durchaus denkbar. Der kontinentale europäische Protestantismus unterscheidet jedoch zwischen dem Evangelium als verbindlichem Grund und der vielfältigen Ausgestaltung der einzelnen konfessionellen Gestalten. Dieser Sonderweg des kontinentalen europäischen Protestantismus scheint im gegenwärtigen ökumenischen Gespräch sowohl bei der katholischen, wie auch bei der orthodoxen und anglikanischen Kirche auf große Vorbehalte zu stoßen.

Eucharistische Gastfreundschaft?

Das jüngste Votum der drei ökumenischen Institute von Straßburg, Bensheim und Tübingen zur eucharistischen Gastfreundschaft basiert auf dem letztgenannten Einheitsmodell. Es ist daher nach seiner Tragfähigkeit zu fragen. Baut das Votum statt auf einem bereits bestehenden Konsens nicht eher auf einer bisher nicht überwundenen Differenz auf? Die Frage der eucharistischen Gastfreundschaft bedarf daher eines weitergehenden Konsenses in wichtigen Fragen, welche die unterschiedlichen Kirchenbilder betreffen. Die Unterscheidung von Grund (Evangelium) und konkreter Gestalt der Kirche wirft grundsätzliche Fragen auf. Es ist zwar unbestreitbar, dass es einen legitimen geschichtlichen Gestaltwandel und eine legitime Vielfalt der Gestalten der Kirche und ihrer Ämter, auch des Bischofsamtes, gibt. Alle großen kirchlichen Konfessionen kennen aber bleibend verbindliche Gestaltelemente, welche zum Wesen der Kirche gehören. Das wichtigste Element besteht darin, dass der eine Grund der Kirche, das Evangelium, uns in der maßgebenden Gestalt des biblischen Kanons (= Liste der anerkannten Schriften) bezeugt ist; auch die altkirchlichen Bekenntnisse sind bleibend verbindliche Gestalten des Glaubens; ebenso die Taufe mit Wasser und der trinitarischen Formel; das Abendmahl unter den Gestalten von Brot und Wein mit den Einsetzungsworten. Schließlich betont Luther nicht nur das allgemeine Priestertum aller Gläubigen; vielmehr gehört nach ihm auch das Amt zu den konstitutiven Kennzeichen der wahren Kirche. Die katholische Lehre konkretisiert diese gemeinsame Aussage und rechnet das Bischofsamt in historischer Sukzession zu den Gestalten, in denen die apostolische Botschaft bezeugt wird. Sie kann darauf verweisen, dass sich der Kanon der Schrift und das Bischofsamt gleichzeitig endgültig herausgebildet haben; es gibt den Kanon nur in der bischöflich verfassten Kirche, und es gibt die bischöflich verfasste Kirche nur unter der Norm der Schrift. Die Wittenberger Reformation hat diese Zusammengehörigkeit von Kanon, Bischofsamt und Glaubensbekenntnis zwar neu akzentuiert, aber grundsätzlich an ihr festgehalten. So ist die These, der Nachfolger des Apostels sei der Kanon und nicht der Bischof, schon rein historisch nicht verständlich. Seit jedoch die Aufklärungstheologie den Kanon aus dem altkirchlichen Zusammenhang gelöst hat, konnte man nicht ohne Grund sagen, die Kanonfrage sei „eine schleichende Krankheit der evangelischen Theologie und damit der evangelischen Kirche“. Hier bestehen trotz allen inzwischen erreichten Konvergenzen noch grundlegende offene Fragen, welche vollständige Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich machen. Denn die Eucharistie als ein „Geheimnis des Glaubens“ setzt den gemeinsamen Glauben voraus und schließt so genannte inkompatible Unterschiede aus.

Die Handregel eines Kardinals

Wenn die EKD dennoch entgegen der eigenen älteren lutherischen wie reformierten Tradition heute alle Christen zum Abendmahl einlädt, dann liegt dem ein Unterschied im Kirchenverständnis und ein mehr individualistisches Verständnis des Abendmahls zu Grunde, welches den in 1 Kor 10,16-17 bezeugten und von allen alten Kirchen festgehaltenen Zusammenhang zwischen Kirchengemeinschaft und Eucharistie nicht hinreichend zur Geltung bringt. Die katholische Kirche schließt diesen individuellen und personalen Aspekt nicht einfach aus; sie weiß von individuellen Situationen eines ernsten geistlichen Bedürfnisses und versucht sie bei entsprechender Disposition mit so genannten pastoralen Lösungen zu bewältigen. Der Wiener Kardinal Schönborn hat in diesem Zusammenhang eine Handregel aufgestellt, die sinngemäß lautet: Wer zum ganzen eucharistischen Hochgebet (einschließlich des Opfergedankens, der Erwähnung des Papstes und der Gemeinschaft der Heiligen) ehrlichen Herzens „Amen“ sagen kann, kann auch die Frucht des eucharistischen Hochgebets, Leib und Blut Christi empfangen. Diese Frage, das sei am Rande erwähnt, müssen sich freilich auch die katholisch getauften Christen immer wieder stellen. Unterschiede ehrlich auszusprechen schmerzt. Dieser Schmerz muss jedoch kein Grund zur Resignation sein, sondern kann ein heilsamer Impuls sein weiterzuarbeiten. Die Fragen des Kirchen- und des Amtsverständnisses stellen darum ein wichtiges sechstes Thema für die Zeit nach dem Kirchentag dar. Die noch offenen Fragen sollten uns nicht die Freude über das viele schon heute gemeinsam Mögliche verderben. Die Welt braucht nicht unsere vereinigten Frustrationen, davon hat sie selbst genug, sie braucht unser gemeinsames Zeugnis von der frohen und befreienden Botschaft. Nur damit können wir einander und der Welt ein Segen sein.

Ökumenische Perspektive – Communio

Überblickt man die ökumenischen Dokumente der letzten 40 Jahre, dann stellt sich heraus, dass sie völlig ungeplant um den Begriff communio (Gemeinschaft) kreisen. Damit ist ein Grundbegriff des Neuen Testaments und der Alten Kirche in den Mittelpunkt der ökumenischen Diskussion gerückt. Kircheneinheit wird als Communio- Einheit verstanden. Doch was meint Communio? Im Sinn der Schrift und der altkirchlichen Tradition hat Communio nichts mit emotionaler familiärer Nähe zu tun. Communio bedeutet auch nicht Vergemeinschaftung als Zusammenschluss einzelner Christen oder einzelner konfessioneller Kirchengemeinschaften zu einer größeren Kircheneinheit. Communio entsteht nicht „von unten“, sondern durch Teilhabe an gemeinsamen Gütern des Heils. Sie ist Communio am einen Evangelium, am einen Geist, am einen Herrn Jesus Christus, am Leben Gottes, konkret an der einen Taufe (1 Kor 12, 13) und am einen eucharistischen Leib des Herrn, durch den wir Glieder am einen ekklesialen Leib des Herrn werden. (1 Kor 10,16-17). Die katholische Tradition spricht deshalb von der Einheit in dem einen Glauben, in denselben Sakramenten und – beiden dienend zugeordnet – in dem einen Dienstamt. Letztlich ist diese Communio-Einheit vergegenwärtigendes Abbild, Ikone der Drei-Einheit Gottes. Communio-Einheit ist darum Einheit in der Vielfalt. Der eine Geist schenkt und wirkt in vielfältigen Geistgaben. Dabei geht es nicht nur um vielfältige individuelle Geistgaben, sondern auch um vielfältige spirituelle Traditionen, unterschiedliche ortskirchliche Entfaltungen, unterschiedliche Ordensgemeinschaften, beziehungsweise Kommunitäten und unterschiedliche Ritusgemeinschaften mit unterschiedlichen spirituellen, theologischen, liturgischen und kulturellen Traditionen. Aufgrund der einen Taufe und der Gemeinschaft in fundamentalen Glaubenswahrheiten leben die getrennten Christen schon heute in einer tiefen realen, aber noch unvollkommenen Communio. Das ökumenische Ziel ist die volle Communio- Einheit. Dazu haben alle Kirchen auf je ihre Weise etwas einzubringen. Aus bislang einander ausschließenden Gegensätzen müssen aber einander fruchtbar ergänzende und bereichernde Gegensätze werden. In der Rechtfertigungslehre ist uns eine solche „Einheit in versöhnter Vielfalt“ 1997 in Augsburg gelungen; in der Ekklesiologie (Kirchenlehre) und Ämtertheologie steht eine solche versöhnte Vielfalt trotz aller erreichten Übereinkünften noch aus.

Auf dem Weg zu einer neuen Spiritualität

Es wäre freilich falsch, sich auf die institutionelle Communio zu fixieren; sie ist hohl, leer und tot ohne geistliche Communio durch Kommunikation, gegenseitige Bereicherung und Durchdringung der vielfältigen Geistgaben, durch Überwindung von Vorurteilen, Misstrauen, Eifersucht und reiner Selbstbehauptung, durch Respekt von dem anderen auch in seinem Anderssein, durch Bereitschaft zu Umkehr und Erneuerung, Reinigung des geschichtlichen Gedächtnisses, durch Vergebung der Schuld, durch gegenseitiges Sich-Raum- Geben und Anerkennung des anderen als Geschenk für mich. Solcher ökumenischer Austausch der Gaben ist eine der Weisen, wie der Geist die Kirche in die volle Wahrheit einführt (Joh 16, 13). Im Grunde zielte bereits das ursprüngliche Anliegen der Reformatoren und der Confessio Augustana in die Richtung. Luther hielt entschieden an der „sancta catholica christiana“ fest. Die Reformatoren wollten – bei allem harten Widerspruch im einzelnen – keine neue Kirche gründen. Sie wollten die bestehende eine universale Kirche aus dem Evangelium reformieren. Dies ist aus vielen, auch nichttheologischen Gründen misslungen und hat tragischer Weise zur Konfessionsbildung geführt. Die heutige ökumenische Bewegung nimmt nach dem Ende des konfessionellen Zeitalters das, was daran berechtigt war, in neuer Weise wieder auf. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die katholische Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten von der evangelischen Theologie des Wortes und von der evangelischen Exegese anregen lassen, so wie die evangelischen Kirchen in ihrer erneuerten liturgischen Praxis katholische Anliegen aufgreifen. Dieses ökumenische Konzept einer im ursprünglichen und das heißt im nichtkonfessionellen Sinn verstandenen Katholizität wurde durch den großen Tübingen Theologen und Wegbereiter heutiger ökumenischer Theologie Johann Adam Möhler (1796-1838) grundgelegt. In der ökumenischen Theologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Una-Sancta-Bewegung, wurde daraus die Idee einer evangelischen Katholizität und einer katholischen Evangelizität. Diese Idee verdient es neu aufgegriffen zu werden. Sie überwindet die ökumenisch unfruchtbare Theorie einer angeblich unüberwindlichen Grunddifferenz von vermeintlich inkompatiblen Positionen. Sie zementiert nicht die Unterschiede, sondern bringt sie in Bewegung und in einen kritischen und zugleich fruchtbaren Austausch. Sie ist freilich auch anspruchsvoller. Denn sie verlangt einerseits Aufbruch aus katholischer Selbstgenügsamkeit, auf der anderen Seite ist protestantisch sein leichter als evangelisch sein. Möhler schrieb 1825: „Zwei Extreme im kirchlichen Leben sind aber möglich, und beide heißen Egoismus; sie sind:Wenn jeder oder wenn einer alles sein will; im letzten Fall wird das Band der Einheit so eng und die Liebe so warm, dass man sich des Erstickens nicht erwehren kann; im erstern fällt alles so auseinander, und es wird so kalt, dass man erfriert; der eine Egoismus erzeugt den andern; es muss aber weder einer noch jeder alles sein wollen; alles können nur alle sein und die Einheit aller ein Ganzes. Das ist die Idee der katholischen Kirche.“ Man kann hinzufügen: Das ist nicht nur im ursprünglichen Sinn des Wortes katholisch, das ist auch gut evangelisch. Das ist der Weg ins ökumenische dritte Jahrtausend der versöhnten Verschiedenheit in der einen Kirche Jesu Christi. Beten wir darum!