Die ökumenische Situation heute

Das dritte Jahrtausend soll ein ökumenisches Jahrtausend sein, in dem die beiden großen Kirchenspaltungen überwunden werden und das Testament Jesu „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21) in die Tat umgesetzt wird. Wie ist die ökumenische Situation?

Ökumene hat mehr als nur zwei Partner

Wenn in Deutschland vom ökumenischen Dialog die Rede ist, meint man oft nur den protestantisch-katholischen Dialog. Diese Beschränkung ist ein wesentlicher Mangel der deutschen Diskussion. Die krisenhafte kirchliche Situation am Ende des Mittelalters, welche eine entscheidende Voraussetzung der Reformation des 16. Jahrhunderts war, ist nur verständlich aufgrund von einseitigen Entwicklungen, welche durch die Trennung von der Ostkirche mitverursacht waren. Wir werden die Probleme der westlichen Kirchenspaltung darum nur lösen, wenn wir eine einseitig westorientierte ökumenische Theologie überwinden und zu einer ökumenischen „Osterweiterung“ kommen. Dies hat eine dritte Aufgabe nach dem diesjährigen Kirchentag in Berlin zu sein. Die gegenwärtige europäische Osterweiterung betrifft Staaten, deren Kultur zutiefst von der ostkirchlichen Tradition bestimmt ist. Das wirkt sich gegenwärtig als ein zusätzlicher Anstoß zur ökumenischen Zusammenarbeit und Annäherung aus. Die politische Einigung von West- und Osteuropa kann nur gelingen, wenn es auch zu einer kulturellen Annäherung, und das heißt zu einer Annäherung der West- und der Ostkirchen kommt.

Ökumene mit den altorientalischen Kirchen auf gutem Weg

Zu den Ostkirchen gehören neben den orthodoxen Kirchen die altorientalischen Kirchen (Kopten, Syrer, Armenier, Äthiopier und die assyrische Kirche des Ostens). Auf uns „Westler“ machen sie einen archaischen Eindruck; sie sind aber tief in der Kultur ihrer Völker verwurzelte pastoral und sozial lebendige Kirchen. Sie haben sich bereits im 4. und 5. Jahrhundert von der damaligen Reichskirche getrennt und kommen erst heute im Rahmen der ökumenischen Bewegung wieder in Kontakt mit der Gesamtchristenheit. Aufgrund der Bevölkerungswanderungen im letzten Jahrhundert sind sie heute – wie auch die orthodoxen Kirchen – nicht mehr reine Ostkirchen im geographischen Sinn, sondern in allen Erdteilen, auch bei uns präsent. Für die Trennung waren neben politischen Motiven christologische Motive, konkret: der Streit um die christologische Formel des Konzils von Chalkedon (451) maßgebend: Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch, zwei Naturen in der einen Person des Logos (Wortes Gottes). Weil sie dieses Dogma ablehnten, galten die altorientalischen Kirchen bis in unser Jahrhundert als monophysitisch (monos = allein, einzig; physis = Natur) bzw. nestorianisch (nach dem Theologen und Patriarchen von Konstantinopel Nestorius). Aufgrund intensiver dogmenhistorischer Vorarbeiten, verschiedener Kolloquien der Wiener Stiftung „Pro Oriente“ fand man heraus, dass es sich nicht um einen inhaltlichen Unterschied, sondern um einen philosophischen Unterschied handelt; beide Seiten verstehen unter „Natur“ und „Person“ (hypostasis) Unterschiedliches und kommen so zu unterschiedlichen Formulierungen desselben Glaubens. So konnte in bilateralen Erklärungen des Papstes und der jeweiligen Patriarchen die Übereinstimmung im selben Glauben an Jesus Christus festgehalten werden, ohne dass man sich gegenseitig die jeweiligen Formulierungen aufzwang. Das Ergebnis war eine Einheit in der Verschiedenheit. Nach etwa zehnjährigem Abstand wurden im Januar dieses Jahres die Gespräche mit den Altorientalen wieder aufgenommen; dies geschah in großer Offenheit und in einer vorzüglichen Atmosphäre, so dass der Dialog auf einem guten Weg ist.

Schwierigkeiten im Dialog mit der Orthodoxie

Kein formelles Abkommen konnte bislang mit den orthodoxen Kirchen erreicht werden. Immerhin konnte während der letzten Sitzung des II. Vatikanischen Konzils im Dezember 1965 die gegenseitige Exkommunikation von Ost und West des Jahres 1054 aus dem Gedächtnis der Kirche getilgt werden. Das Jahr 1054 ist freilich eher ein symbolisches Datum. Ost und West haben die eine Botschaft des Evangeliums im Grunde von Anfang an in verschiedenen Traditionen, kulturellen Ausformungen und Mentalitäten weitergegeben. Ungeachtet dieser Unterschiede lebten sie in der einen Kirche; jedoch bereits im ersten Jahrtausend entfremdeten sie sich mehr und mehr und verstanden einander immer weniger. Diese Entfremdung war die eigentliche Ursache des Schismas, der Kirchenspaltung. In der Tat, bei jeder Begegnung mit den orthodoxen Kirchen wird sehr schnell deutlich, dass wir zwar im Glauben, im sakramentalen Leben und in der bischöflichen Verfassung einander sehr nahe sind, aber kulturell und mentalitätsmäßig Schwierigkeiten haben, einander wirklich zu verstehen. Der Osten hat eine reiche, hoch differenzierte theologische, spirituelle und kulturelle Tradition, die aber anders als im Westen weder die Trennung von Kirche und Staat kennt, welche sich im Westen seit dem Investiturstreit im 11. Jahrhundert herausgebildet hat, noch durch die neuzeitliche Aufklärung hindurchgegangen ist. Heute sind die orthodoxen Kirchen im Grunde erstmals mit den Herausforderungen der modernen Welt konfrontiert; sie sind jedoch durch 40 oder 70 Jahre der Unterdrückung und Verfolgung geschwächt. Sie müssen sich unvorbereitet den neuen Herausforderungen stellen und sich neu orientieren. Das braucht Zeit und erfordert auf unserer Seite Geduld. Die drei Dokumente, welche die „Gemeinsame internationale katholisch-orthodoxe Kommission für den theologischen Dialog“ zwischen 1980 und 1990 veröffentlichen konnte, zeigen die tiefe Gemeinsamkeit. Unglücklicherweise machte die politische Wende von 1989/90 den Dialog nicht einfacher, sondern wesentlich schwieriger. In der westlichen Ukraine und in Rumänien ist die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche wieder aus den Katakomben ins öffentliche Leben zurückgekehrt. Alte Polemiken, die von der Angst gespeist werden, die katholische Kirche könne Mitglieder „abwerben“, sind wieder erstanden. In Balamand (1993) fand die „Internationale theologische Kommission“ wesentliche Lösungselemente, aber das letzte Treffen in Baltimore (2001) brachte leider keinen Fortschritt. Die Errichtung von vier Diözesen auf dem Gebiet der Russischen Föderation verschärfte die Situation vollends. In den beiden letzten Jahren haben sich neben dem schon bisher guten Verhältnis mit dem ökumenischen Patriarchat erstaunliche Fortschritte vor allem mit der Kirche von Griechenland, der rumänischen, serbischen und bulgarischen orthodoxen Kirche ergeben; eine intensive Zusammenarbeit, welche noch vor einem oder zwei Jahren undenkbar erschien, hat sich angebahnt. In den letzten Monaten gibt es auch deutliche Zeichen der Entspannung zwischen Rom und Moskau, die hoffen lassen.

Streit um das Petrusamt

Niemand konnte erwarten, dass sich bereits in dieser ersten Phase ein Konsens herausstellen würde; eine neue Atmosphäre und ein neues offenes Klima ist jedoch deutlich geworden. Das Gespür, dass nicht nur die jeweilige Ortskirche, sondern auch die Universalkirche eines handlungsfähigen Bezugs- und Einheitspunktes bedarf, ist weit verbreitet, auch wenn über dessen theologischem Verständnis und praktischer Ausübung noch deutliche Unterschiede bestehen. Ein wichtiger Schritt, Ängste und Unsicherheiten abzubauen, ist das gegenseitige Kennenlernen. Die Pastoralreisen des Papstes, die gegenseitigen Besuche, die Teilnahme der orientalischen Kirchen an den Feiern im heiligen Jahr und beim Friedensgebet in Assisi und der regelmäßige Briefverkehr greifen wichtige Formen altkirchlicher Communio wieder auf und fördern den ökumenischen Prozess. So wie wir uns Jahrhunderte lang auseinander gelebt haben, müssen wir uns in einem längeren Prozess wieder zusammenleben. Dieser Prozess ist in vollem Gang. Die Kirche und damit auch Europa beginnen wieder mit beiden Lungen zu atmen. Die Annäherung zwischen Ost und West ist auch für die Überwindung der Kirchenspaltung in der westlichen Christenheit wesentlich. Sie hat unser Land und ganz Europa gespalten; auf dem Weg der Kolonisation wie der Mission haben wir unsere europäischen Probleme und Konflikte in die ganze Welt hinaus getragen. Um so dringlicher ist es, sich um Versöhnung zu bemühen.

Ökumene mit den Lutheranern

Der ökumenische Dialog mit den lutherischen Kirchen ist neben dem mit der Anglikanischen Gemeinschaft am weitesten vorangeschritten. Viele Dokumente auf der (vor allem deutschen und amerikanischen) nationalen und internationalen Ebene haben wesentliche Annäherungen erbracht und die Voraussetzungen für die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (31. Oktober 1999) geschaffen. Diese war – wie es der Papst in einem Bild präzis ausgedrückt hat – ein Meilenstein, das heißt eine wichtige Zwischenstation, aber noch nicht das endgültige Ziel des gemeinsamen Weges. Es wurde kein voller Konsens erreicht, sondern ein Konsens in wesentlichen Fragen, der freilich stark genug ist, um die noch offenen Fragen „erträglich“ zu machen und ihnen ihren kirchentrennenden Charakter zu nehmen. Wenn bisherige kontradiktorische Gegensätze überwunden werden, können noch bleibende komplementäre Spannungen befruchtend und bereichernd sein, dem Ziel einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit immer näher zu kommen. Inzwischen wurden Gespräche auch mit den reformierten und methodistischen Gemeinschaften aufgenommen, um den anfanghaften Konsens mit den Lutheranern in geeigneter Weise zu erweitern. Dies ist eine vierte Aufgabe nach dem ökumenischen Kirchentag des Jahres 2003.

Die Augsburger „Gemeinsame Erklärung“

Eine Reihe von evangelischen – vor allem deutschen – Theologen hat an den scheinbar fehlenden Folgen der „Gemeinsamen Erklärung“ Kritik geübt. Zu Unrecht! Die „Gemeinsame Erklärung“ hat auf der internationalen Ebene dem Verhältnis zwischen Lutheranern und Katholiken spürbar eine neue Qualität und Intensität gegeben. Dies ist – nach dem eigenen Zeugnis der Lutheraner – vor allem dort spürbar, wo Lutheraner in mehrheitlich katholischen Ländern wie Lateinamerika sich in einer Minderheitssituation befinden. Seit der „Gemeinsamen Erklärung“ werden sie dort in einer neuen Weise ernst und wahrgenommen. Auch in Ländern, in denen die Mehrheitsverhältnisse mehr oder weniger ausgewogen sind, eröffnet die „Gemeinsame Erklärung“ die Möglichkeit und die Verpflichtung von der gemeinsamen Mitte des Evangeliums nun auch gemeinsam Zeugnis zu geben, was in unserer säkularisierten Situation wahrlich nicht wenig ist. Sich auf dieses gemeinsame Zeugnis noch mehr zu besinnen ist eine weitere, die fünfte Aufgabe nach dem Kirchentag. Die ekklesiologischen Fragen wurden in der „Gemeinsamen Erklärung“ bewusst offen gelassen. Die Frage der Kirche und der Ämter in der Kirche haben sich inzwischen als der harte Kern der noch zur Lösung anstehenden Fragen erwiesen. Diese Fragen stehen nun auf der Tagesordnung Es gibt auch hier erfreuliche Annäherungen, aber noch keinen tragfähigen Konsens. Nach reformatorischem Verständnis ist die Kirche „creatura verbi“ (Geschöpf des Wortes); entsprechend versteht sie sich als Gemeinschaft der Gläubigen, in der das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden. Bezugspunkt und Mitte reformatorischer Ekklesiologie ist deshalb die Gemeinde, amtstheologisch das Pastorenamt. Das regionale Bischofsamt und die universalkirchliche Dimension waren dagegen lange Zeit theologisch eher „unterbelichtet“; in Deutschland waren sie bis 1918 in der Hand der Landesfürsten. Erst die ökumenische Bewegung und die konfessionellen Zusammenschlüsse des 19. und 20. Jahrhunderts haben zur Wiederentdeckung der ursprünglichen reformatorischen Anliegen, der bischöflichen Verfasstheit der Kirche und der universalkirchlichen Dimension geführt. Dieser Prozess scheint noch nicht zum Abschluss gekommen zu sein.  Zwei Richtungen im Protestantismus  Für den katholischen Beobachter zeichnen sich im gegenwärtigen Protestantismus zwei Richtungen ab. Entsprechend führen sie zu unterschiedlichen ökumenischen Konzeptionen, zwischen denen früher oder später eine Entscheidung notwendig sein wird: bischöflichen Verfassung unter Einschluss der apostolischen Sukzession im historischen Sinn zu kommen. Dies entspricht wohl auch der ursprünglichen Absicht der Wittenberger Reformation. Die genannten lutherischen Kirchen greifen diese Absicht wieder auf und suchen über den Anschluss an die anglikanische Gemeinschaft den Anschluss an die altkirchliche Tradition, um sich dann den Kirchen, die ins erste Jahrtausend zurückgehen, das heißt den östlichen Kirchen wie der katholischen Kirche, annähern zu können. Der gegenwärtige kontinentale Protestantismus und die EKD gehen einen anderen Weg. Sie gehen von dem durch die Leuenberger Konkordie (1973) maßgebend gewordenen Einheitsmodell aus. Es unterscheidet zwischen dem Evangelium als dem verbindlichen Grund und der in vielfältiger Weise möglichen Gestalt der Kirche. Hinsichtlich der Gestalt des Amtes – episkopal, presbyteral oder synodal – ist eine grundsätzliche Einheit in der Vielfalt und eine gegenseitige Anerkennung von Kirchen unterschiedlicher konfessioneller Gestalt möglich. Die apostolische Sukzession im Bischofsamt ist deshalb nur eine mögliche, aber nicht die verbindliche Gestalt der Apostolizität und des Amtes in der Kirche. Dieses Modell hat sich für die Wiederherstellung der innerreformatorischen Einheit als hilfreich erwiesen, hat jedoch seine Grenze darin, dass es einen protestantischen Sonderweg geht, welcher weder für die katholische Kirche noch für die orthodoxen Kirchen und für die anglikanische Gemeinschaft und damit für die weit überwiegende Mehrheit der Christenheit gangbar ist.