Grundlagen des ökumenischen Dialogs

Das ökumenische Gespräch kennt nicht nur zwei Gesprächspartner, wie man hierzulande oftmals meint. Und man hört immer wieder von den Schwierigkeiten, die der ökumenischen Bewegung in den Weg gelegt werden, zumeist natürlich von „denen da oben“. Stimmt das so?

Will man die gegenwärtige ökumenische Situation ins Ganze der Kirchengeschichte einordnen, so kann man dies am besten tun, indem man sich auf einige große Denker des 19. Jahrhunderts bezieht.Etwas schematisierend kann man das erste Jahrtausend als das Jahrtausend der ungeteilten Kirche, das zweite Jahrtausend als das der beiden großen Kirchenspaltungen bezeichnen. Das dritte Jahrtausend könnte und sollte in dieser Sicht das ökumenische Jahrtausend in der einen Kirche Jesu Christi werden. Diese Perspektive hat sich auch Papst Johannes Paul II. zu eigen gemacht. Für ihn ist Ökumene kein Zusatz und kein Anhängsel des kirchlichen Auftrags, sondern in dessen Zentrum selbst verwurzelt.

Ein Blick zurück

Die ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts gehört zu den wenigen Lichtblicken in einem sonst düsteren und blutigen Jahrhundert. Als nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs sich 1948 in Amsterdam der Weltrat der Kirchen formierte, da war dies nach fast 1000 Jahren Kirchenspaltung mit dem Osten und fast 500 Jahren Kirchenspaltung im Westen ein Hoffnungsstrahl, der sich knapp 20 Jahre später, als sich die katholische Kirche durch das II. Vatikanische Konzil (1962- 65) offiziell der ökumenischen Bewegung anschloss, zu einer großen Erwartung verdichtete. In einer Situation, welche durch den Begriff Globalisierung gekennzeichnet ist, ist Ökumene die christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit. In dieser Situation gibt es zur Ökumene keine realistische Alternative. Theologisch entspricht sie dem Willen Jesu, der eine Kirche wollte. Gemeinsam bekennen wir im Glaubensbekenntnis die „eine heilige Kirche“. Unsere Spaltungen sind deshalb nicht etwa Ausdruck der Vielfalt und des Reichtums, sondern Ausdruck der Sünde und ein Skandal vor der Welt. Vieles ist in der Zwischenzeit erreicht worden. Die Menge an internationaler und nationaler „Dokumente wachsender Übereinstimmung“ ist für einen einzelnen nicht mehr überschaubar. Viel wichtiger ist der Wandel im Lebensgefühl und in der Lebenspraxis. Die getrennten Christen betrachten sich heute nicht mehr als Feinde, als Fremde oder als Konkurrenten, sie sind sich nicht mehr gleichgültig, sondern verstehen und erfahren sich als Brüder und Schwestern, die auf einem gemeinsamen ökumenischen Weg sind; sie arbeiten, leben und beten zusammen, und sie geben gemeinsam Zeugnis von ihrem Glauben. Sie haben erfahren: Das was sie eint, ist weit mehr als was sie leider noch immer trennt. Das alles wäre vor 40 oder 50 Jahren völlig undenkbar gewesen. Heute geschieht es nicht etwa nur an der sogenannten Basis, es geschieht auch auf der Ebene der Bischöfe und Kirchenleitungen. Wer heute die ökumenische Bewegung schlecht redet, muss nicht nur von allen guten Geistern, sondern auch vom Hl. Geist verlassen sein.

Heute ist eine neue Situation entstanden

Sicherlich wäre es realitätsfremd, von einem ökumenischen Frühling – wie ihn viele in dem Jahrzehnt nach dem II. Vatikanischen Konzil sehen – zu sprechen. Oft ist sogar von Stillstand, Müdigkeit, Rückschritt und Krise, von einem ökumenischen Winter oder gar von einer ökumenischen Eiszeit die Rede. Die Blütenträume von damals sind in der Tat verwelkt. Aber nach dem Frühling kommt nicht der Winter, auch nicht gleich der goldene Herbst, in dem man die reifen Früchte ernten kann, sondern der Sommer. Da gibt es zwischendurch einige Eisheilige, auch ein paar Gewitter, aber insgesamt ist der Sommer die Zeit des langsamen Reifens und des Wachsens. Die Ökumene ist in eine Zeit des Reifens und des Erwachsenseins eingetreten. Sie ist realistischer geworden, sieht die realen Schwierigkeiten deutlicher als es im ersten idealistischen jugendlichen Überschwang der Fall war. Damit ist es in der Ökumene nicht anders als im normalen Leben. Will man diese Situation als Krise bezeichnen, muss man diesen Begriff im ursprünglich griechischen Sinn verstehen: nicht rein negativ als Zusammenbruch, Scherbenhaufen und Ruin des Bisherigen, sondern als Umbruchs- und Entscheidungssituation, in welcher sich die Dinge zum Guten wie zum Schlechten entwickeln können. Krisensituationen sind ambivalent. In ihnen zeigen sich Umbrüche, welche Entscheidungen herausfordern und zugleich hoffnungsvolle Neuorientierungen ermöglichen. Warum diese Entwicklung? Wie immer bei komplexen Vorgängen, sind verschiedene Antworten möglich. Zwei Gesichtspunkte: Falsch verstanden kann die Identitätsfrage zu Fundamentalismus und zu einem neuen Konfessionalismus führen. Richtig verstanden ist sie konstitutiv nicht nur für jeden Einzelnen und seine je einmalige Würde, Die neue Frage nach der Identität. In einer Welt, welche durch Globalisierung gekennzeichnet ist, fragen viele: Wer bin ich? Wer sind wir? Niemand möchte in einem antlitzlosen anonymen Ganzen untergehen. Die Frage nach der eigenen Identität betrifft einzelne Individuen wie ganze Kulturen, ethnische Gruppen und Religionen. Sie ist auch in den christlichen Kirchen neu aufgebrochen, wo falsch verstandener „billiger“ Ökumenismus manchmal zu Relativismus, Indifferentismus und zu einem Ökumenismus auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner geführt hat. Als Reaktion kam es in allen Kirchen zu fundamentalistischen Strömungen und entsprechenden Polarisierungen. Die Krise der Ökumene ist nicht etwa ein Zeichen ihres Misserfolgs, sondern im Gegenteil ein Ergebnis ihres überwältigenden Erfolgs. In dem Maß nämlich als wir einander näher gekommen sind, spüren wir um so schmerzhafter, unerträglicher das, was uns noch trennt. – – sondern auch für die Kirchen und die Ökumene. Nur Partner, welche ihre je eigene Identität haben und zu ihr stehen, können in einen fruchtbaren Dialog eintreten. Wem dagegen alles gleichgültig ist, der will und sucht keinen Dialog. In der FAZ vom 23.5.03 resümiert der evangelische Heidelberger Exeget Klaus Berger dann auch: „Wir haben von der Ökumene des kulturellen Ausverkaufs gesprochen. Die Protestanten befürchten sie, die Katholiken vollziehen sie… Nie und nimmer wird man sich beim gemeinsamen Minimum treffen… Es wird nur eine Ökumene auf der Basis des Maximums geben, in einer neuen Einheit von Theologie und Spiritualität.“ Deshalb ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahren die kritische Frage nach einem theologisch gesunden ökumenischen Dialog jenseits von Fundamentalismus und Harmoniesucht neu aufgebrochen ist und so die Tendenz eines Wegwischens der religiösen theologischen Identität zugunsten der Harmonie des berühmten guten Willens gebremst wird. Es ist eine Krisis, d. h. eine Entscheidungssituation eingetreten, in welcher die Fundamente des ökumenischen Dialogs neu zur Debatte stehen. Damit ist eine erste Aufgabe nach dem Kirchentag bezeichnet.

Ekklesiologische Grundlagen

Blicken wir kurz auf die wesentlichen katholischen Prinzipien und Fundamente des ökumenischen Dialogs, wie sie sich im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils und in der Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ (1965) finden. Die Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Jesus“ vom September 2000, die so viel Staub aufgewirbelt hat, ist im Licht dieser beiden höherrangigen Dokumente zu interpretieren. So verstanden unterscheidet sie sich von den Aussagen des Konzils zwar durch ihre wenig sensible und deshalb missverständliche Sprache, nicht jedoch im wesentlichen Inhalt. Die Reaktion der EKD war sowohl formal wie inhaltlich nicht weniger hart, sondern eher noch abweisender formuliert. Es geht der katholischen Position um die sichtbare Einheit der Kirche. Die These, dass die eine Kirche Jesu Christi allein in der katholischen Kirche voll subsistiert (verwirklicht ist), schließt nicht aus, sondern schließt ein, dass außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche nicht nur einzelne Christen existieren, sondern auch wesentliche „ekklesiale Elemente“, welche als Gaben Christi zur Kirche Christi gehören. Ausdrücklich sagt das Ökumenismus-Dekret und die Ökumene-Enzyklika, dass der Heilige Geist in den anderen Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften wirksam gegenwärtig ist, so dass außerhalb der katholischen Kirche kein ekklesiales Vakuum besteht, sondern die Kirche Jesu Christi – in einer im einzelnen unterschiedlicher Weise – wirksam gegenwärtig ist. Von einem arroganten Anspruch auf ein exklusives Heilsmonopol kann also keine Rede sein. Im Gegenteil, es werden die geistlichen Reichtümer anderer Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften anerkannt. Es wird sogar gesagt, dass die katholische Kirche in der Situation der Trennung nicht in der Lage ist, die ganze Fülle des Katholischen konkret zu verwirklichen. Deshalb ist der ökumenische Dialog weit mehr als ein Austausch von Ideen; er ist – wie der Papst sagt – ein „Austausch der Gaben“; er ist kein kompromisshafter Verarmungsprozess, wo jeder ein Stück nachund aufgibt, sondern ein Mehrungs- und Bereicherungsprozess. Es geht nicht um eine Ökumene auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner, sondern um eine Ökumene als Weg zur konkreten Fülle des Katholischen im ursprünglichen Sinn des Wortes. Damit ist das Konzept einer simplen Rückkehrökumene überwunden. Die ökumenische Bewegung ist kein Weg zurück, sondern ein Weg nach vorne. Sie erstrebt nicht die Bekehrung zur anderen Konfession (welche im Einzelfall möglich und zu respektieren ist), sondern die Bekehrung zu Jesus Christus. In dem Maße als wir ihm näher kommen, kommen wir auch untereinander näher. In Jesus Christus werden wir eins sein; er ist unsere Einheit. Diese Einheit kann man nicht „machen“; sie ist ein Geschenk des Geistes, ein erneuertes Pfingsten, um das wir – so wie Maria und die Jünger vor dem ersten Pfingsten – vor allem anderen beten sollen. Deshalb ist die Ökumene nicht ein diplomatisches Geschäft oder eine rein akademische Angelegenheit, sondern ein geistlicher Prozess. Die geistliche Ökumene ist darum das Herz, die Seele der Ökumene. Genau dies suchen heute viele Menschen. Die weltweit rasant zunehmenden evangelikalen und pentekostalen Gemeinschaften müssen unseren etablierten Kirchen und unserer etablierten Ökumene Anlass zur Gewissenserforschung und Anstoß zur spirituellen Vertiefung sein.