Geistliche Impulse

Die Verschwommenheit als Mutter der Weisheit

Heutzutage ist Verschwommenheit die Mutter der Weisheit. Wer ein halbes Dutzend allge­meiner Behauptungen auszusprechen vermag, die einander nur deshalb nicht aufheben, weil sie zu Gemeinplätzen verdünnt sind, wer geschickt genug ist, gleichsam ohne Stützpunkt und Stange zwischen Gegensätzen das Gleichgewicht zu halten, wer nie eine Wahrheit ausspricht, ohne sich gegen die Voraus­setzung zu verwahren, dass das Gegenteil ausgeschlossen sei: … das ist der rechte Mann und die Hoffnung der Kirche: keine Parteimänner, sondern verständige, gemäßigte … Persön­lichkeiten, die sie durch den Kanal des Nichtsmeinens zwi­schen der Scylla und Charybdis von Ja und Nein hindurchzu­führen wissen.

John Henry Card. Newman, Apologia pro Vita Sua, 1864

 

Lied ohne Worte

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Wie dankbar bin ich Gott, dass es eine Pflicht zum Gottesdienst gibt, ein Gesetz, das meine zerstreuten Gedanken daran erinnert, dass es Zeit ist, an Gott zu denken, Zeit, mein eigenes Ich wenigstens für einen Augenblick zu vergessen! Es ist ein solches Glück, zu einer Gemeinschaft nach dem Willen Gottes zu gehören. Ich bin nicht immer in der Stimmung zu beten. Ich habe nicht immer die Phantasie und die Kraft, ein Wort in der Gegenwart Gottes zu sprechen. Aber wenn ich schwach bin, dann gibt das Gesetz mir Kraft; wenn mein Blick verschwommen ist, dann gibt die Pflicht mir Klarheit… Sollte ich auf regelmäßiges Gebet verzichten und mich auf die Eingebung des Herzens verlassen und nur dann beten, wenn ich vom Geist angerührt bin? … Soll es jedem Einzelnen überlassen bleiben, seine eigenen Formen der Anbetung zu finden, wann immer der Geist ihn treibt? Doch wer ist imstande, ein Gebet aus dem Stegreif zu sprechen, ohne in Klischees zu verfallen? Auch wächst die geistliche Kraft, wenn man aus einer reicheren Quelle schöpft. Augenblicke der Begeisterung sind kurz, selten und unregelmäßig. In den langen Zwischenpausen wird unser Geist oft abgestumpft, leer und müde Wohl keine Seele kann mehr Licht ausstrahlen, als sie erhält… Darum ist auch der Gang zum Haus des Gebetes, den man täglich oder an jedem siebten Tag unternimmt, bereits ein Lied ohne Worte.

Abraham Joshua Heschel

 

Eines tun sie nicht

Die Christen leben wie die Gänse auf einem Hof: An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten und der redegewandeste Gänserich steht auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse, erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredeten Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht – sie fliegen nicht; sie gehen zu ihrem Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher.

Sören Kierkegaard